2024 markierte eine Zäsur für die deutsche Organisationsforschung: Prof. Dr. Michael Reiß verstarb. Im selben Jahr veröffentlichte Yuval Noah Harari sein Werk Nexus. Eine symbolische Stabübergabe: Reiß lieferte die Diagnose, Harari die historische Warnung – und gemeinsam zeigen sie, warum wir einen neuen Umgang mit Komplexität brauchen.
Die Anatomie der Überforderung: Das 4V-Modell
Was meinen wir wirklich, wenn wir sagen, die Welt sei „komplex“? Reiß zerlegte dieses diffuse Gefühl im 4V-Modell:
Das Risiko der „Bureaucratic Truth“
Reiß unterschied klug zwischen Simplex-Tuning (Reduktion) und Complex-Tuning (Regeln). Sein Ideal war die Balance: Simplexity.
Heute versuchen wir oft, Komplexität mit noch mehr Regeln zu erschlagen. Das Ergebnis ist das, was Harari eine „Bureaucratic Truth“ nennt: Ein System, das nur noch seiner eigenen Logik folgt und die Realität ausblendet.
Die Gefahr ist real: Wenn wir KI falsch einsetzen, schaffen wir keine Freiheit, sondern eine automatisierte Bürokratie, die noch schwerer zu korrigieren ist als die menschliche.
Technik als Exoskelett: Die „Alien Intelligence“
Um wahre Simplexity zu erreichen, brauchen wir ein Upgrade. Die Geschichte verläuft in drei Stufen:
Die Ökonomie der Wahrheit
KI senkt die Transaktionskosten der Wahrheit (Williamson), indem sie Faktenprüfung und Datenanalyse massiv beschleunigt. Aber sie darf den Menschen nicht ersetzen.
In Reiß‘ Sinne ist die Arbeitsteilung klar: Die KI übernimmt die operative Last (Vielzahl/Tempo), damit der Mensch die Kapazität hat, die Vieldeutigkeit (Ambiguity) ethisch und strategisch zu bewerten. Wir brauchen den Menschen als „Self-Correcting Mechanism“.
Im Zeitalter der KI müssen wir erweitern:
Habe Mut, die Werkzeuge zu bedienen, die deinen Verstand erweitern.“
Michael Reiß hat uns gelehrt, dass wir Komplexität nicht wegbürokratisieren können. Er möge seinem ehemaligen Studenten verzeihen, wenn diese Interpretation lückenhaft sein sollte, aber sein Konzept der Simplexity bleibt unser wichtigster Kompass.
Quellen & Referenzen anzeigen
- Prof. Dr. Michael Reiß (†2024): Konzepte zum „Orga-Tuning“, „Simplexity“ und „4V-Modell“ (z.B. ZfO 1992).
- Yuval Noah Harari: „Nexus“ (2024). Konzepte: „Bureaucratic Truth“, „Alien Intelligence“, „Self-Correcting Mechanisms“.
- Denise Schmandt-Besserat: Forschung zu „Tokens“ als erstes „External Memory“ der Menschheit.
- Oliver Williamson: Transaktionskosten & „Bounded Rationality“.
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