Der Begriff „Mythen“ im Überblick
Historie und Definition
Der Begriff „Mythos“ stammt ursprünglich aus dem antiken Griechenland, wo er „Erzählung“ oder „Rede“ bedeutete. In neuerer Zeit, besonders seit dem 19. Jahrhundert, wurden „Mythen“ zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, wodurch man begonnen hat, das Phänomen „Mythos“ genauer zu erfassen und zu analysieren. Verschiedene Autoren definieren ihn aber auf unterschiedliche Weise. Es gibt eine Vielzahl von Ansätzen, die Mythen zum Beispiel als „heilige Erzählungen“, „ideologische Narrative“, „kollektive Symbole“ oder „verinnerlichte Werte“ beschreiben.1 Eine allgemeingültige Definition gibt es also nicht. (ebenda)
Einen gemeinsamen Nenner bei der Verwendung des Begriffs könnte man aber dennoch ausmachen: Sie verbinden symbolische Sprache und moralische Leitbilder und erreichen oft eine Bedeutungsebene, die über das rein Rational-Fassbare hinausgeht. Durch ihre Struktur und Bildhaftigkeit prägen sie das Selbstverständnis von Gemeinschaften und werden so zu beständigen Elementen menschlicher Kultur.
Letztlich ist es in der modernen Wissenschaft aber üblich geworden, eine spezifische Definition des Mythos voranzustellen, da der Begriff je nach kulturellem und historischen Kontext unterschiedlich verstanden wird.2
Mit dem Aufkommen psychologischer Sichtweisen wurden Mythen zunehmend auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Beginnend im 19. Jahrhundert durch Philosophen wie Ludwig Feuerbach oder Friedrich Nietzsche, vertieften Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts Psychologen wie Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Erich Fromm diesen Ansatz, indem sie Mythen als Ausdruck psychischer Prozesse und kollektiver Erfahrungen sahen. Auch den folgenden Strukturalismus, insbesondere durch Claude Lévi-Strauss3, könnte man in dieser Tradition sehen. Insgesamt bewegte sich die Forschung nun stärker in eine sozialwissenschaftliche, speziell sozialpsychologische Richtung.4
Sozialpsychologische Definition dieser Website
Die hier vertretene sozialpsychologische Sichtweise versteht Mythen als:
- Intersubjektiv geteilte Narrative,
- die sowohl das bewusste als auch das unbewusste Denken beeinflussen
- und dadurch das Handeln von Individuen und Gemeinschaften lenken können.
Mythen können unser Denken und Handeln beeinflussen und gestalten dadurch nicht nur unser Verständnis der Welt, sondern auch unsere Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte oder sein sollte.
Wenn man eine solche sozialpsychologische Sichtweise einnimmt, lassen sich grob die folgenden Funktionen von Mythen unterscheiden:
Funktionen im Überblick 5
-
Erklärungsfunktion Mythen bieten Erklärungen für existenzielle oder kosmische Fragen und schaffen damit Orientierung.
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Normative Funktion Mythen vermitteln gesellschaftliche Werte und Normen und bieten so eine ethische Richtlinie.
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Identitätsstiftende Funktion Mythen schaffen kollektive Identität und stärken das Gefühl der Zugehörigkeit.
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Sinnstiftende & koordinative Funktion Mythen geben dem Leben Sinn und ermöglichen kollektives Handeln im Einklang mit gemeinsamen Zielen.
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
Im Vergleich zu anderen Begriffen wie „Narrative“, „gemeinschaftliche Erzählungen“ oder „Weltbilder“ beschreibt „Mythen“ diese kollektiven Erzählungen mit einer besonderen Tiefe. Während Weltbilder als gedankliche Systeme zur Erklärung der Welt dienen, sind Mythen narrative Ausdrucksformen, die das kollektive Bewusstsein durch emotionale und symbolische Inhalte prägen und das Verhalten beeinflussen. Der Begriff „Mythen“ greift dabei tiefer, indem er das Rätselhafte und Verborgene in diesen Erzählungen erfasst. So wird klar, dass Mythen mehr sind als bloße Geschichten oder Weltanschauungen: Sie sind gegenwärtige Konstrukte, die unser Selbstverständnis formen und das Unbewusste einer Gesellschaft berühren. Daher umfasst der Begriff mehr als die heute oft reduzierte Vorstellung von „unwahren Geschichten“.6
Mythen im Alltag und moderne Mythen
Oft denken wir bei Mythen an große Erzählkomplexe wie Ursprungsmythen oder Heldengeschichten. Doch gerade in der heutigen vernetzten Welt spielen auch alltägliche, scheinbar profane Erzählungen eine wichtige Rolle, die als moderne Mythen gelten können.7 Diese alltäglichen Mythen, mitunter tief verwurzelt in kollektiven Überzeugungen und Symbolen, können als unauffällige, aber einflussreiche Strukturen wirken, die unser Verhalten und unsere Wahrnehmung prägen.
Heutzutage können Mythen nicht nur durch traditionelle Erzählungen und Geschichten vermittelt werden, sondern auch durch die allgegenwärtigen Medien. In sozialen Netzwerken und populären Medien ist es möglich, Narrative zu schaffen, die einen mythischen Charakter annehmen können, sei es der „Selbstoptimierungsmythos“ durch Fitness-Influencer oder der (meritokratische) Mythos der reinen Leistungsgesellschaft, in der jeder es allein durch Anstrengung schaffen kann. Diese modernen Mythen können dann beeinflussen, wie wir uns selbst und unsere Gesellschaft wahrnehmen, und verstärken möglicherweise das Streben nach Idealen, die tief in kollektiven Überzeugungen verwurzelt sind. Sie wirken unauffällig im Hintergrund, strukturieren unser Denken und beeinflussen unser Verhalten. Diese Erzählungen, die oft wie stille mythische Leitbilder wirken, zeigen, wie dynamisch und allgegenwärtig Mythen gerade in der heutigen vernetzten Welt sind.
Mythen im modernen Sinne umfassen somit sowohl kleine Erzählungen – wie Alltagsannahmen über bestimmte soziale Verhaltensweisen – als auch große Narrative, die ganze Gesellschaften prägen, etwa religiöse oder nationale Erzählungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie unser Denken und Handeln leiten und auf diese Weise die Welt nicht nur erklären, sondern inspirieren und formen.
Eine Liste weiterführender Literatur sowie eine ausführlichere Einführung zum Begriff ‚Mythos‘ findest Du unten und auf Wikipedia.8
Literatur und Fußnoten
- vgl. hier u.a. eine Übersicht von Definitionen verschiedener Autoren Gentile, John S. “Prologue: Defining Myth: An Introduction to the Special Issue on Storytelling and Myth.” Storytelling, Self, Society, vol. 7, no. 2, 2011, pp. 85–90. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/41949151. Accessed 2 Nov. 2024. und hier eine Übersicht der Verwendung des Begriffs in verschiedenen Wissenschaften https://de.wikipedia.org/wiki/Mythos#Aspekte_des_Mythos_in_den_Wissenschaften, abgerufen am 02.11.2024 ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Mythos#Begriffliche_Abgrenzung_und_Merkmale, abgerufen am 02.11.2024 ↩︎
- Lévi-Strauss betont, dass Mythen auf der Fähigkeit beruhen, Widersprüche wie Leben und Tod oder Natur und Kultur zu verarbeiten und miteinander zu verbinden. Diese tiefenstrukturellen Muster, so Lévi-Strauss, sind kulturübergreifend und zeigen sich weltweit ähnlich. Für ihn sind Mythen daher mehr als kulturelle Erzählungen – sie vereinen Grundprinzipien des Denkens und dienen als intellektuelles Werkzeug zur Bearbeitung menschlicher Gegensätze. vgl. Lévi-Strauss, Claude. “The Structural Study of Myth.” The Journal of American Folklore, vol. 68, no. 270, 1955, pp. 428–44. JSTOR, https://doi.org/10.2307/536768. Accessed 2 Nov. 2024. Roland Barthes ergänzt diesen Ansatz, indem er Mythen als strukturell organisierte Erzählungen analysiert. Wie in der Sprache bestehen Narrative für Barthes aus grundlegenden Bausteinen, die eine „Grammatik“ und innere Logik aufweisen. Durch Kardinalfunktionen (entscheidende Ereignisse) und Katalysen (unterstützende Elemente) zeigt Barthes, dass Mythen universelle Erzählformen besitzen, die kulturelle Inhalte strukturieren und grundlegende Denkprinzipien widerspiegeln vgl. Barthes, Roland, and Lionel Duisit. “An Introduction to the Structural Analysis of Narrative.” New Literary History, vol. 6, no. 2, 1975, pp. 237–72. JSTOR, https://doi.org/10.2307/468419. Accessed 2 Nov. 2024. ↩︎
- z.B. identifizierte Percy S. Cohen 1969 sieben Haupttypen für Theorien über Mythen („seven main types of theory of myth“): 1 Mythos als Erklärung… 7 Strukturalistische Theorie des Mythos. –> Hier zeigt sich bereits die klare sozialpsychologische Ausrichtung der Mythenforschung. vgl. Cohen, Percy S. “Theories of Myth.” Man, vol. 4, no. 3, 1969, pp. 337–53. JSTOR, https://doi.org/10.2307/2798111. Accessed 2 Nov. 2024. ↩︎
- vergleiche zu den Funktionen von Mythen zum Beispiel: 1. Bronisław Malinowski – Funktionalistischer Ansatz. Erklärende Funktion: Mythen erklären kosmologische und existenzielle Fragen. Normative Funktion: Mythen legitimieren soziale Normen und Bräuche. 2. Claude Lévi-Strauss – Strukturalistische Mythenforschung. Erklärende Funktion: Mythen lösen Widersprüche in der Welt. Koordinative Funktion: Mythen schaffen soziale Kohäsion durch gemeinsame Denkstrukturen. 3. Mircea Eliade – Religiöse und kosmologische Funktion. Sinnstiftende Funktion: Mythen geben dem Leben kosmologische Bedeutung und Orientierung. Identitätsstiftende Funktion: Mythen verankern den Menschen in einem kosmischen Zusammenhang. 4. Joseph Campbell – Monomythos und Heldenreise. Sinn- und Zielstiftende Funktion: Mythen geben dem Individuum und der Gemeinschaft eine transformative Reise und Zielrichtung. Identitäts- und Kohäsionsfunktion: Mythen fördern kollektive Identität durch universelle Heldenmuster. 5. Carl Gustav Jung – Archetypen und kollektives Unbewusstes. Sinnstiftende Funktion: Mythen bieten tiefe psychologische Erkenntnisse und unterstützen den Prozess der Individuation. Koordinative und Identitätsfunktion: Mythen verbinden das individuelle mit dem kollektiven Unbewussten und schaffen ein gemeinsames Verständnis. 6. Roland Barthes – Mythen als soziale Konstrukte. Normative Funktion: Mythen normalisieren gesellschaftliche Ideologien und Machtstrukturen. Sinn- und Zielstiftende Funktion: Mythen prägen gesellschaftliche Ziele und Rollenbilder. 7. Ernst Cassirer – Mythen als symbolische Weltsicht. Sinnstiftende Funktion: Mythen erfassen die Welt symbolisch und verleihen ihr Bedeutung. Koordinative Funktion: Mythen schaffen eine gemeinsame symbolische Ordnung für kollektives Verständnis und Handeln. 8. Erich Fromm – Gesellschafts-Charakter und Ideologie. Normative Funktion: Mythen spiegeln die Ideologie einer Gesellschaft wider und prägen deren kollektiven Charakter. Sinn- und Zielstiftende Funktion: Mythen geben Orientierung, indem sie eine Richtung für persönliches und gesellschaftliches Handeln setzen. 9. Yuval Noah Harari – Mythen als kollektive Fiktionen. Koordinative Funktion: Mythen ermöglichen die Kooperation großer Gruppen, indem sie kollektive Fiktionen schaffen, die als Realität akzeptiert werden. Sinn- und Zielstiftende Funktion: Mythen bieten Sinn, Orientierung und motivieren zu gemeinsamen Zielen (z. B. Religionen, Nationalstaaten, Geld). 10. Richard Dawkins – Mythen aus evolutionärer Perspektive. Erklärende Funktion: Mythen bieten Erklärungen für die Welt, allerdings sieht Dawkins sie eher kritisch als „falsche“ oder nicht-wissenschaftliche Erklärungen im Vergleich zur wissenschaftlichen Evolutionstheorie. Koordinative Funktion: Mythen können als Memes betrachtet werden – kulturelle Einheiten der Informationsübertragung, die sich wie Gene verbreiten und soziale Kohäsion schaffen, selbst wenn sie nicht der Wahrheit entsprechen. ↩︎
- im Gegensatz zu z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Moderne_Sage ↩︎
- eine Begriffserweiterung, die manchmal Roland Barthes zugeschrieben wird, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mythen_des_Alltags#Der_erweiterte_Begriff_des_Mythos, abgerufen am 02.11.2024; bezugnehmend auf folgende Ausgaben (von Roland Barthes): Mythologies. Seuil, Paris 1957. Mythen des Alltags. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1964 u. 2003, ISBN 3-518-12425-0. Mythen des Alltags. Erste vollständige deutsche Ausgabe. Aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 3-518-41969-2 (2012 als Taschenbuch erschienen). ↩︎
- Auswahl weiterführender Literatur: Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit… Wikipedia: Artikel „Mythos“ – Eine umfassende Übersicht über Definitionen, Funktionen und Interpretationen von Mythen. Roland Barthes: Mythen des Alltags… Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos… Richard Dawkins: Der Gotteswahn… Erich Fromm: Märchen, Mythen, Träume. … Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra ↩︎